«Mit dem Reallabor BlueX wird das Limmattal zum Leuchtturm für Klimainnovationen.»

Joana Leitão, Leiterin Siedlungsentwässerung bei Limeco, im Porträt
Joana Leitão ist Leiterin Siedlungsentwässerung bei Limeco
Darum gehts

Eine Potenzialanalyse zeigt: Würde das gesamte Schwammstadtpotenzial im Einzugsgebiet von Limeco ausgeschöpft, könnten die Mischabwasserentlastungen in die Gewässer um bis zu 90 % reduziert werden. Joana Leitão, Leiterin Siedlungsentwässerung bei Limeco, koordiniert die regionale Entwässerungsplanung und steht im Austausch mit den Trägergemeinden

Joana Leitão, Leiterin Siedlungsentwässerung bei Limeco, spricht im Interview über energieeffiziente Abwasserbewirtschaftung, Schwammstadtmassnahmen und warum der Klimawandel auch für die Abwasserreinigungsanlage (ARA) eine Herausforderung ist.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für die ARA von Limeco und die Entwässerungsplanung im Einzugsgebiet generell?

Die Hauptaufgabe der Abwasserbewirtschaftung ist der Gewässerschutz. Damit ist klar: Nachhaltigkeit ist für uns ein zentrales Anliegen. Unser Ziel ist, Schmutz- und Mischabwasser aus unserem Einzugsgebiet optimal zu bewirtschaften, um die Einwirkung auf die Gewässer zu minimieren. Gleichzeitig betreiben wir die ARA so effizient wie möglich – mit minimalem Energieeinsatz und konsequenter Einhaltung der Grenzwerte.

Welche Bedeutung hat der Nachhaltigkeitsbericht von Limeco für Sie als Leiterin Siedlungsentwässerung?

Der Nachhaltigkeitsbericht von Limeco schafft Transparenz und dient als zentraler Nachweis für unser fortlaufendes Engagement. Im Bericht dokumentieren wir die relevanten Massnahmen, die wir im Entwässerungssystem umsetzen, und zeigen deren Wirkung auf.

Ein konkretes Beispiel ist die transparente Darstellung der Mischabwasserentlastungen in die Gewässer. Im Rahmen der generellen Entwässerungsplanung auf Verbandsebene (VGEP) hat Limeco 2020 ein Entwässerungskonzept erstellt, in dem die Bewirtschaftung der Regenüberlaufbecken optimiert wurde. Nach einigen Jahren zeigten die Messdaten, dass Potenzial für weitere Optimierungen besteht. Zurzeit planen wir eine dynamische Bewirtschaftung der Regenbecken, durch die auch Mischabwasserentlastungen reduziert werden können. Die Wirkung dieser kontinuierlichen Optimierung sollte durch die im Nachhaltigkeitsbericht ausgewiesenen Daten sichtbar werden.

«Der Nachhaltigkeitsbericht von Limeco schafft Transparenz und dient als zentraler Nachweis für unser fortlaufendes Engagement.»

Joana Leitão, Leiterin Siedlungsentwässerung bei Limeco

Ist die laufende Kanalinnensanierung Schönenwerd Teil der Bewirtschaftungsaufgabe von Limeco?

Ja, die Werterhaltung des Entwässerungssystems ist im Rahmen des VGEP eine Aufgabe von Limeco. Eine Zustandserfassung aus dem Jahr 2021 hat gezeigt, dass der gesamte Hauptsammelkanal in den nächsten zehn Jahren saniert werden muss. Der Massnahmenplan sieht eine Sanierung in etwa fünf Etappen vor. Begonnen haben wir Ende 2024 im Gebiet Schönenwerd, da dieser Abschnitt in einer besonders sensiblen Gewässerschutzzone liegt. Die Sanierung schützt die Gewässer und bewahrt das Grundwasser vor Verschmutzungen. Der Abschluss der ersten Phase verzögerte sich aufgrund der vielen Regen- und Starkregenereignisse auf Ende 2025. Bei intensivem Regen wird der Kanal geflutet, und die Arbeiten müssen unterbrochen werden. Erst wenn der Kanal wieder gereinigt ist, können die Arbeiten fortgesetzt werden. Das Wetter hat also einen grossen Einfluss auf den Sanierungsfortschritt.

2024 führte Limeco eine Potenzialanalyse Schwammstadt durch. Gab es dabei Überraschungen?

Eher Bestätigungen. Ziel der Analyse war es, den Bedarf und das Potenzial für Schwammstadtmassnahmen in jeder Gemeinde anhand von Bewertungskriterien und geografischen Daten zu analysieren. Die Gemeinden verfügen damit über Informationen, wie sich Bedarf und Potenzial räumlich verteilen, sowie über eine Prioritätenkarte als Planungshilfe. Dazu haben wir überprüft, welche Wirkung die Nutzung des Schwammstadtpotenzials auf die Mischabwasserentlastungen hätte. Diese Daten haben wir in unser hydraulisches Modell übernommen und eine Langzeitsimulation für das gesamte Einzugsgebiet der ARA gemacht. Die Simulation zeigt: Mit vollständiger Umsetzung der Schwammstadtpotenziale könnten wir die Mischwasserentlastungen um bis zu 90% reduzieren. Selbst wenn diese Prognose zu optimistisch sein sollte – schon eine Reduktion um 45% wäre bereits ein grosser Erfolg.

Wie etabliert ist das Konzept Schwammstadt generell in der Schweiz?

Das Konzept gewinnt in Schweizer Städten und Gemeinden zunehmend an Bedeutung. Noch vor einigen Jahren war es vor allem in Fachkreisen bekannt, doch langsam hält es Einzug in die Stadtplanung. Es ist aber vielerorts noch unstrukturiert umgesetzt. Der grösste Nutzen entsteht, wenn das Schwammstadtkonzept ganzheitlich gedacht wird. Limeco ist dafür ideal aufgestellt: Mit unserem grossen Einzugsgebiet und der Zusammenarbeit mehrerer Gemeinden können wir übergreifende Lösungen entwickeln. Im Rahmen einer GEP-Arbeitsgruppe, in der Limeco eine Koordinationsrolle übernimmt, stehen wir in regelmässigem Austausch mit den Verwaltungen von neun Städten und Gemeinden. Eine übergreifende Regenwasserstrategie nutzt Synergien, vermeidet Doppelspurigkeiten und garantiert eine grössere Wirkung – sie ist Teil des neuen GEP-Leitfadens und trägt dazu bei, den natürlichen Wasserkreislauf in urbanen Gebieten wiederherzustellen.

«Mit vollständiger Umsetzung der Schwammstadtpotenziale könnten wir die Mischwasserentlastungen deutlich reduzieren.»

Joana Leitão, Leiterin Siedlungsentwässerung bei Limeco

Welche Vorteile bringt ein konsequent umgesetztes Schwammstadtkonzept?

Versickerung von Regenwasser vor Ort heisst: weniger Wasser in der Kanalisation, weniger Zufluss zur ARA und weniger Mischwasserentlastungen in die Umwelt. Zudem müssen die Pumpwerke weniger arbeiten – das spart Energie. Für die Gemeinden bringt die Schwammstadt eine Kostenreduktion, weil ihre Infrastruktur weniger stark belastet wird und nicht teuer ausgebaut werden muss. Die Schwammstadt ist für die Gemeinden auch relevant, weil die klimaangepasste Siedlungsentwicklung im kantonalen Richtplan verankert und damit verpflichtend ist. Für die Bevölkerung wiederum verbessert sich die Lebensqualität: Durch die Verdunstung in den Siedlungsgebieten nimmt die Hitze ab und das Mikroklima wird angenehmer. Zudem schaffen neue Grünflächen mit Bepflanzungen Begegnungsorte und minimieren das Risiko von Überschwemmungen bei Starkregen. Oder anders gesagt: Das Schwammstadtkonzept bekämpft nicht die Symptome, sondern setzt bei den Ursachen an.

Welches sind aktuell Ihre wichtigsten Prioritäten rund um die Schwammstädte?

Wir unterstützen die Gemeinden bei der Planung und fördern ein koordiniertes Vorgehen. Die Analyse hat gezeigt: Das Potenzial ist gross und der Nutzen für das ganze Limmattal ist vielseitig. Unser Ziel ist, die Grundlagen für ein gemeinsames Vorgehen im ganzen Einzugsgebiet zu erarbeiten. Wir wollen die Gemeinden entlasten und die Umsetzung von Schwammstadtmassnahmen vereinfachen, indem wir möglichst viel Vorarbeit übernehmen. Dazu gehört auch eine aktuelle Versickerungskarte, die auf die Oberflächenversickerung fokussiert – bisherige geologische Karten konzentrieren sich meist auf die Tiefversickerung. Wenn neun Städte und Gemeinden für die gezielte Umsetzung von Massnahmen eine neue Versickerungskarte erstellen müssten, würde das Jahre dauern. Deshalb übernimmt Limeco diese Aufgabe in Absprache mit den Gemeinden für das gesamte Einzugsgebiet. Wir starten mit einer Pilotkarte und sollten in rund anderthalb Jahren am Ziel sein. Zudem treffen wir uns zweimal jährlich mit allen Gemeinden zu einem Erfahrungsaustausch – das ist für alle Beteiligten enorm wertvoll. Entsprechend gross ist das Interesse an unserem koordinierten Ansatz: Ich durfte unsere Arbeit bereits mehrfach beim Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) vorstellen.

Auch mit dem Reallabor übernehmen die Eawag und Limeco eine Pionierrolle …

Das Reallabor BlueX macht das Limmattal zur Forschungsumgebung für Projekte im Bereich Wasser und Klimaanpassung – ein Leuchtturm für Klimainnovationen! Es ist schweizweit einzigartig, weil es sowohl städtische als auch ländlich geprägte Gemeinden gemeinsam betrachtet und über die Siedlungswasserwirtschaft hinausgeht: BlueX fokussiert auch auf angrenzende Themen wie Hitze, Biodiversität, menschliches Wohlbefinden und Energie.

Das Reallabor BlueX macht das Limmattal zur Forschungsumgebung für Projekte im Bereich Wasser und Klimaanpassung – ein Leuchtturm für Klimainnovationen.
Das Reallabor BlueX macht das Limmattal zur Forschungsumgebung für Projekte im Bereich Wasser und Klimaanpassung.
Versickerung von Regenwasser vor Ort heisst: weniger Wasser in der Kanalisation, weniger Zufluss zur ARA
Versickerung von Regenwasser vor Ort heisst: weniger Wasser in der Kanalisation, weniger Zufluss zur ARA.

«Wir wollen die neue ARA realistisch dimensionieren und keine unnötigen Überkapazitäten schaffen – also möglichst nahe am Optimalwert, der dank Schwammstadtmassnahmen erreichbar ist.»

Joana Leitão, Leiterin Siedlungsentwässerung bei Limeco

Wo steht das Reallabor aktuell?

Es läuft bereits viel. Die Gemeinden sind informiert und wir haben Vereinbarungen zur Datennutzung und Zusammenarbeit getroffen. Zurzeit verschaffen sich die Forschenden einen Überblick über unsere hydraulischen Modelle und Kataster, um zu verstehen, wie das System genau funktioniert. Bis Frühling 2026 erwarten wir aktuelle Messdaten als Basis für neue Projekte.

Was versprechen Sie sich von der Forschungsarbeit des Reallabors?

Ich hoffe, dass wir in den nächsten zehn Jahren Erkenntnisse gewinnen, von denen nicht nur unsere Gemeinden, sondern die ganze Schweiz profitiert. Der Fokus liegt auf dem zukunftsgerichteten Gewässer- und Überschwemmungsschutz sowie auf der Verbesserung des Stadt- und Siedlungsklimas. Das Reallabor BlueX bietet die organisatorischen Rahmenbedingungen, um Projekte praxisnah durchzuführen und Lösungen für verschiedene Herausforderungen zu entwickeln. Die Projekte können rein wissenschaftlich sein, indem beispielsweise neuartige Modelle entwickelt werden, um den Zusammenhang von Wasserdargebot und Hitzeminderung abzubilden. Gleichzeitig können wir im Reallabor konkrete Fragen der Gemeinden oder der Bevölkerung aufgreifen und gemeinsam mit allen relevanten Akteuren untersuchen.

Wer ist die Eawag?

Die Eawag ist ein renommiertes Forschungsinstitut im ETH-Bereich, das sich mit Wasserforschung beschäftigt. Über 300 Forschende aus Natur-, Ingenieur- und Sozialwissenschaften arbeiten hier an innovativen, praxisnahen Lösungen.

In den vergangenen zehn Jahren hat die Abteilung Siedlungswasserwirtschaft der Eawag bereits erfolgreich ein Reallabor in Fehraltorf betrieben. In Kooperation mit der Gemeinde wurde ein innovatives Messnetz aufgebaut, das als Basis für unzählige Projekte mit Eawag-internen sowie nationalen und internationalen Partnern dient.

Energieeffizienz ist auch für die ARA ein wichtiges Thema – wie lässt sich der Energieverbrauch reduzieren?

Abwasserreinigungsanlagen sind generell energieintensiv. Das Energiesparpotenzial liegt nicht nur in der Anlage selbst: Wir müssen früher ansetzen, indem wir Regenwasser und Fremdwasser reduzieren. Aktuell liegt unser Fremdwasseranteil bei rund 38%, ein Drittel davon ist regenwasserabhängig. Wenn wir die Regenwassermenge im System reduzieren können, sparen wir viel Energie, weil die Pumpen weniger Leistung bringen müssen. Auch deshalb sind Schwammstadtmassnahmen so wichtig.

Energieeffizienz ist auch für die ARA ein wichtiges Thema – wie lässt sich der Welche Bedeutung hat das Limmattaler Energiezentrum LEZ für die ARA?

Eine grosse Bedeutung: Im Rahmen von LEZ wird die ARA bis 2034 erweitert, bis 2050 folgt ein Ersatzneubau. Die zu erwartende Wassermenge bestimmt die Grösse der neuen Anlage. Unsere Herausforderung ist es abzuschätzen, wie und bis wann sich Schwammstadtmassnahmen, Kanalsanierungen und die Fremdwasserreduktion auf die künftigen Wassermengen auswirken werden. So können wir die neue ARA realistisch dimensionieren und Überkapazitäten vermeiden – also möglichst nahe am Optimalwert, der dank Schwammstadtmassnahmen erreichbar ist.

Bringt LEZ weitere Neuerungen für die Abwasserreinigung?

Ja, mit der Erweiterung der Anlage bis 2034 erhalten wir eine zusätzliche Reinigungsstufe, mit der sich Mikroverunreinigungen wie Mikroplastik effizienter entfernen lassen. Am heutigen Standort war die Umsetzung aus Platzgründen und wegen der Lage im Naturschutzgebiet Antoniloch bisher nicht möglich.